„Analog“ ist das neue „Bio“

Über die Folgen der Digitalisierung in der Schule

Bezirksdelegierten-Versammlung Juni 2019

Foto v.l.: Der Vorstand des GEW-Bezirksverbandes mit Ralf Domevscek, Evelyn Schulte-Holle, Hans Braun, Volrad Döhner, Sigrid Krause. Es fehlen Anna Held, Nina Heidt-Sommer, Ingrid Hoin-Radkowski. 

Unter dem Motto „Big Brother is teaching you?“ - Schule in Zeiten der Überwachungspädagogik referierte Dr. Matthias Burchhardt (Uni Köln) auf Einladung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Bürgerhaus Kleinlinden. Zur Delegiertenversammlung des Bezirksverbandes Mittelhessen hatten sich rund 60 Vertreter der acht mittelhessischen GEW-Kreisverbände eingefunden, um zum Thema Digitalisierung der Bildung zu diskutieren und die anstehenden Vorstandswahlen durchzuführen. 

Der Referent befasste sich in launiger, aber fesselnder Weise mit einigen weniger bekannten Aspekten der derzeit vieldiskutierten Digitalisierung der Schule. Der dazu oft verwendete Begriff des „Wandels“ verschleiere die Tatsache, dass der Bildungsbereich zunehmend durch privatwirtschaftliche Interessengruppen vereinnahmt werde, die sich durch einen ausgeprägten Datenhunger auszeichneten. Zwar seien digitale Medien Teil der realen Welt der Schüler, mit dem sich auch die Schule befassen müsse. Sie könnten auch durchaus hilfreich im Unterricht eingesetzt werden, man dürfe sie aber nicht zum Fetisch werden lassen. Die Digitalisierung müsse der Pädagogik folgen, nicht umgekehrt.

In den Schulen führe die geplante massenhafte Anschaffung von Hardware nicht nur zu ebenso massenhaftem Elektroschrott, sondern auch zu einem „gläsernen Unterricht“ mit ständiger Überwachung aller Personen – Lehrer wie Schüler. Gemäß schon sehr konkreter Planungen sollten Kameras und Sensoren jede Äußerung, jede Mimik, jede Gestik im Klassenzimmer aufzeichnen. Die erhobenen Daten würden von Programmen nach vor Ort nicht beeinflussbaren Algorithmen verarbeitet und den Protagonisten würden anschließend individuelle Angebote unterbreitet, was sie weiterhin machen sollten. 
Angesichts dessen, dass selbst Mark Zuckerberg Kindern riete, möglichst viel Zeit draußen zu verbringen, und auch der „PISA-Papst“ Andreas Schleicher („Was ich nicht messen kann, interessiert mich nicht!“) in einem schwachen Moment zugegeben habe, dass digitale Medien die Schüler eher verdummten, sei aber schon eine Gegenbewegung erkennbar. In Anspielung auf das Ernährungsverhalten schloss Dr. Burchhardt seinen Vortrag augenzwinkernd mit den Worten: „‘Analog‘ ist das neue ‚Bio‘, ‚digital‘ ist für das Volk.“

In der folgenden Diskussion wurde gefragt, wie man eine kritische Haltung zum Einsatz der IT-Medien in die Köpfe der in der Schule agierenden Personen bringen könne. Dies war auch Thema bei einem der zehn Beschlüsse, die die BDV im Anschluss fasste. Neben der Aus- und Fortbildung im digitalen Bereich, ging es dabei um viele weitere Einzelthemen aus dem Bildungsbereich, wie z.B. die Unterstützung der Schülerbewegung „Fridays for future“, Personalratsarbeit, Mentorentätigkeit, inklusiver Unterricht, Befristungs(un-)wesen, etc. Alle Beschlüsse sind auf der Homepage des Bezirksverbandes www.gew-mittelhessen.de nachzulesen.

Nach den Rechenschaftsberichten und der Entlastung des alten Vorstandes  wurden Neuwahlen durchgeführt. Der nun aus acht Personen bestehende geschäftsführende Vorstand vertritt etwa 4300 Mitglieder aus allen pädagogischen Fachrichtungen der mit Abstand größten Interessenvertretung im Bildungsbereich.

Zu den Beschlüssen